Du tippst in den Chat: antworte mir kurz, höchstens fünf Sätze. Claude Code antwortet kurz. Alles läuft, und eine Weile sieht es so aus, als wäre das Schreiben in Dateien reine Zeremonie.
Dann schliesst du das Terminal, kommst am nächsten Morgen zurück und bekommst drei Absätze auf eine Frage, die in eine Zeile passte. Wir zeigen dir, woher das kommt und woran du eine Bitte erkennst, die besser in einer Datei aufgehoben ist.
Was verschwindet, wenn du die Sitzung schliesst
Jedes neue Gespräch in Claude Code beginnt ohne die Daten aus früheren Chats – was ihr gestern geklärt habt, steht darin nicht zur Verfügung, solange es niemand irgendwo festhält. So funktioniert das: ein Gespräch existiert genau so lange, wie es dauert.
Eine im Chat getippte Bitte lebt also exakt so lange wie diese eine Sitzung. Eine Anweisung in der Datei CLAUDE.md, die Claude Code in deinem Ordner zu Beginn jedes Gesprächs liest, kommt jedes Mal zurück – und darin liegt der ganze Unterschied.
Klingt banal, bis du zählst, wie oft pro Woche du denselben Satz tippst.
Die Anweisung aus dem Chat geht früher weg, als du denkst
Es gibt einen zweiten Moment, in dem eine getippte Bitte aufhört zu wirken, und der rutscht leicht durch, weil ihn nichts so Deutliches wie ein geschlossenes Terminal begleitet.
Wird ein Gespräch lang, fasst Claude Code den älteren Teil zusammen, um Platz für die Fortsetzung zu schaffen. Eine Bitte von vor zwei Stunden übersteht diese Zusammenfassung womöglich nicht. Die Anweisungen aus der CLAUDE.md im Projektordner überstehen sie, denn Claude Code liest diese Datei danach erneut von der Festplatte und legt ihren Inhalt zurück ins Gespräch.
Aus dieser Komprimierung stammt der Eindruck, Claude Code habe «plötzlich nicht mehr zugehört», mitten in einer Sitzung, die gut lief. Hat es nicht – es hat den Satz von vor drei Stunden schlicht nicht mehr vor sich.
Was einmal passieren soll
Naheliegend wäre jetzt der Schluss, einfach alles festzuhalten – ein schlechter Schluss, denn die meisten Bitten dürfen mit dem Gespräch verschwinden.
«Schau dir diesen Ordner an und schreib mir, was drin ist.» «Ändere in diesen drei Dateien den Firmennamen.» «Mach mir eine Zusammenfassung von diesem Dokument.»
Das sind einmalige Anweisungen und die gehören in den Chat. Sie in eine Datei zu schreiben, brächte nichts, denn morgen stimmen sie nicht mehr, und eine Datei voller veralteter Anweisungen stört mehr, als sie hilft.
Diese Gruppe ist grösser, als sie scheint, und das ist die gute Nachricht: das meiste, was du Claude Code schreibst, muss nirgendwohin. Die Arbeit läuft im Gespräch, und so soll es sein.
Was jedes Mal gelten soll
«Schreib mit mir auf Deutsch.» «Ändere nichts im Vorlagenordner, ohne zu fragen.» «Daten im Format TT.MM.JJJJ.» «Ich kann nicht programmieren, erklär mir Technisches in einfacher Sprache.»
Solche Sätze beschreiben die Rahmenbedingungen deiner Arbeit. Sie stimmen morgen, nächste Woche und in jedem neuen Terminalfenster. Genau solche Bitten kommen in die CLAUDE.md, sonst tippst du sie bei jedem Start neu – meist verkürzt und immer ungenauer, weil beim fünften Mal niemand mehr Lust auf den ganzen Satz hat.
Ein einziger Satz sortiert eine Bitte in diese Gruppe ein: schreibe ich dasselbe morgen wieder, bei einer anderen Aufgabe? Wenn ja, ist es ein Kandidat für die Datei. Wenn nein, bleibt es im Chat und nichts geht verloren.
Wie die Datei selbst funktioniert – wie sie heisst, wo sie liegt, wie du prüfst, dass sie gewirkt hat – ist eine eigene Lektion, über die erste CLAUDE.md. Hier geht es nur darum, was überhaupt hineingehört.
Eine CLAUDE.md oder mehrere?
Diese Aufteilung wirkt schärfer, als sie ist, denn die Anweisungen müssen nicht in einer einzigen CLAUDE.md stehen. In irgendeinem Ordner gestartet, liest Claude Code die Anweisungsdatei nicht nur von dort – es geht den Verzeichnisbaum nach oben und nimmt jede mit, die es unterwegs findet, von der allgemeinsten bis zu der im Ordner, in dem du gerade stehst.
Daraus wird eine Kaskade, und am bequemsten bildest du damit ab, wie du deine Dateien ohnehin ablegst. Bei jemandem, der für mehrere Kundinnen und Kunden arbeitet, sieht das etwa so aus. Im Ordner, der deine gesamte Arbeit umfasst: was immer gilt, also in welcher Sprache geschrieben wird, wie Technisches erklärt werden soll, was man über dich nicht voraussetzen darf. Im Ordner einer Kundin oder eines Kunden: was nur dort gilt. Im Ordner eines konkreten Auftrags: die Details dieses einen Auftrags. Du startest Claude Code im Auftragsordner und bekommst alle drei Schichten auf einmal.
Der Gewinn ist doppelt. Du musst nicht sämtliche Regeln für alle Gelegenheiten in eine CLAUDE.md stopfen, also steht dir bei der Arbeit für einen Auftrag kein Wort über die übrigen im Weg. Und da Claude Code unterwegs nur die Dateien liest, die zu deinem Arbeitsordner führen, verbraucht es beim Start weniger Tokens, als wenn es jedes Mal eine einzige riesige Liste von allem Bisherigen läse.
Jede dieser Dateien legst du gleich an, im Ordner, für den sie gelten soll: entweder bittest du Claude Code darum, wie oben, oder du tippst /init, dann sieht es den Ordner durch und schreibt die erste Fassung selbst. Liegt dort schon eine CLAUDE.md, überschreibt /init sie nicht – es schlägt dir vor, was sich ergänzen lässt.
Wann sich das wirklich rechnet
Bei einer Aufgabe, zu der du nie zurückkehrst, ist jedes Aufschreiben verlorene Zeit. Es beginnt sich ungefähr dann zu rechnen, wenn du zum dritten Mal in denselben Ordner kommst.
Ein praktischer Hinweis, der besser wirkt als der Vorsatz «ich schreibe mir mal eine ordentliche Datei»: leg sie nicht im Voraus an, sondern ergänze sie bei Wiederholung. Du merkst, dass du Claude Code dasselbe erklärst wie beim letzten Mal – das ist der Moment, denn du hast gerade den Beweis, dass es keine Ausnahme war.
Öffnen und tippen musst du dabei nichts selbst, denn um die Ergänzung bittest du wie um jede andere Arbeit:
Ich bitte dich schon zum zweiten Mal um dasselbe: [hier eintragen, worum es geht]. Ergänze das in der CLAUDE.md in diesem Ordner, also in den Anweisungen, die du zu Beginn der Arbeit liest. Zeig mir zuerst, wie du es formulieren möchtest, und ändere nichts, bevor ich es freigegeben habe.
Nach dieser Bitte bekommst du einen Formulierungsvorschlag zur Freigabe, und nach deinem Ja die Frage nach der Erlaubnis, die Datei zu schreiben. Liegt im Ordner noch keine CLAUDE.md, legt Claude Code sie gleich mit an.
Diese Reihenfolge hat noch einen Vorteil: eine im Voraus geschriebene CLAUDE.md neigt dazu, mit Regeln aufzuquellen, die niemand gebraucht hat, während eine aus echten Wiederholungen gewachsene Datei genau das enthält, was sich bewährt hat. Bei uns in JUSTAUTOMATE läuft es so, und keine dieser Dateien ist in einer einzigen Sitzung entstanden.
Das Gedächtnis, das Claude Code selbst führt
Das automatische Gedächtnis ist der dritte Weg, und du solltest ihn kennen, schon um zu wissen, wo er endet. Claude Code führt es selbst, ohne dein Zutun: es notiert sich, was sich aus deinen Korrekturen ergibt. Du korrigierst es in einer Sache, und es kann sich daraus einen Schluss für später merken – ohne dich zu fragen und ohne einen einzigen Klick. Kann, denn die Auswahl trifft es allein.
Das Problem: die Bequemlichkeit dieses Mechanismus ist zugleich seine Schwäche. Ins Gedächtnis des Gesprächs gelangt beim Start nur ein Verzeichnis der gespeicherten Notizen, eine Zeile pro Notiz – ein Verzeichnis, das Claude Code selbst führt. Die Notizen liegen in eigenen Dateien, und es greift erst dann darauf zu, wenn es sie für dieses Gespräch als nützlich einschätzt. Dieses Urteil fällt anhand eines einzigen Satzes aus dem Verzeichnis, also fällt es manchmal falsch aus: eine Notiz, die die Sache geklärt hätte, bleibt ungelesen, und du siehst kein Signal, dass etwas übersprungen wurde.
Genau hier liegt der ganze Vorteil der CLAUDE.md: diese Datei wird vollständig geladen, zu Beginn jedes Gesprächs, und unterwegs entscheidet nichts darüber, ob sie gerade gebraucht wird. Lass das automatische Gedächtnis als bequeme Zugabe im Hintergrund wachsen, aber was dir wirklich wichtig ist, schreib in die Datei.
Und zum Schluss eine Falle, in die man gerade jetzt leicht tappt, wo du weisst, dass das eine besser ist als das andere. «Merk dir, dass du es so machen sollst» klingt wie die Bitte, eine Regel dauerhaft festzuhalten, doch Claude Code liest sie als Anweisung, eine Notiz im automatischen Gedächtnis zu ergänzen – sie landet also genau dort, wo es später selbst entscheidet, ob es nachschaut. Wenn es dir um die Datei geht, schreib es direkt: «ergänze das in der CLAUDE.md».
Kurz gefasst
Eine Frage entscheidet: schreibst du dasselbe morgen wieder, bei einer ganz anderen Aufgabe? Wenn nein, lass es im Chat, dort gehört diese Bitte hin und nichts davon muss irgendwohin. Wenn ja, und du ertappst dich zum zweiten Mal dabei, bitte um einen ergänzten Satz in der CLAUDE.md und geh zurück an die Arbeit.
Die Anweisungsdatei soll dir das fünfte Tippen desselben Satzes ersparen – so viel und nicht mehr. Der ganze Rest gehört ins Gespräch und richtet dort keinen Schaden an.