Die Frage «Claude oder ChatGPT» kommt in den ersten zehn Minuten von fast jedem Kurs, und fast immer in einer Form, die niemand ehrlich beantworten kann: Welches ist besser. Die ehrliche Antwort lautet «kommt darauf an, was du machst», und heute versuchen wir zu zeigen, wovon genau es abhängt.

Keine Benchmarks hier, und keine Preistabelle. Beides veraltet schneller, als du zu Ende lesen kannst. Dafür kommt eine Liste dessen, was Claude nicht kann – ohne sie wäre der ganze Vergleich Werbung und keine Empfehlung.

Was Claude nicht macht und ChatGPT schon

Fangen wir mit dieser Seite an, sie ist kürzer und konkreter.

Claude erzeugt keine Bilder. Keine Fotos, keine Illustrationen, keine Grafiken für Social Media – und es geht nicht um schlechtere Qualität, sondern darum, dass die Funktion in sämtlichen Abos fehlt. Dafür zeichnet Claude dir ein Diagramm, eine Grafik oder eine interaktive Darstellung, gebaut als HTML, und Claude Design, eine eigene Funktion in Claude, entwirft einen Prototyp, Folien oder ein einseitiges Dokument. Nützlich bei der Arbeit, ersetzt aber kein Bild von einer Katze mit Hut.

Das fortlaufende Sprachgespräch läuft richtig nur auf Englisch. Die Variante, bei der du einfach redest und zuhörst, ohne Pausen und ohne eine Taste zu halten, läuft in claude.ai auf Englisch. Andere Sprachen sind als Beta dabei, und du wählst die Sprache von Hand, statt dass sie erkannt wird – wer also in einer anderen Sprache denkt, merkt hier den grössten Abstand zu ChatGPT. Diktieren ist eine andere Sache: Im Terminal versteht /voice weitere Sprachen und eignet sich gut, um Anweisungen zu diktieren – aber das ist Diktat, kein Gespräch.

Im Gratis-Konto von ChatGPT bekommst du mehr von dem, was kein Chat ist. Die Zahl der Nachrichten ist ähnlich, der Unterschied liegt in der Bandbreite: Bilder und Sprachmodus sind dort von Anfang an dabei, während Claude gar keine Bilderzeugung hat und Claude Design den zahlenden Abos vorbehält.

Claude und ChatGPT unterscheiden sich auch im Ton: ChatGPT antwortet oft lockerer. Das ist allerdings Geschmackssache, und wir tun nicht so, als liesse sich das entscheiden.

Das Terminal ist kein Alleinstellungsmerkmal

Im Terminal laufen, auf deinem Rechner, mit Zugriff auf den Ordner, in dem du gerade sitzt: Das wird gern als das dargestellt, was Claude Code auszeichnet. Du fügst keine Dateien ins Chatfenster ein – du zeigst auf ein Verzeichnis und sagst, was darin passieren soll.

Nur macht Codex von OpenAI genau dasselbe. Es läuft im Terminal, liest und ändert Dateien, führt Befehle auf deinem Rechner aus und hält seine eigenen Anweisungen in AGENTS.md, dem Gegenstück zu CLAUDE.md. Es kann eine Aufgabe auch auf mehrere spezialisierte Agenten verteilen. Beide Werkzeuge sind ungefähr zur gleichen Zeit entstanden, es gibt hier also keine Geschichte über eines, das dem anderen um Jahre voraus war – die Unterschiede lagen immer darin, wie gut jedes die Aufgabe löst, und nicht darin, ob es überhaupt in dein Verzeichnis kommt.

Unterschiedlich ist dafür, was der Einstieg kostet. OpenAI legt Codex jedem Abo bei, auch dem kostenlosen – mit der Einschränkung, dass es das bei Free und Go befristet tut, also prüf den aktuellen Stand, bevor du darauf baust. Claude Code braucht Pro oder höher, also von Beginn an ein bezahltes Abo.

Bleibt die Frage, wie gut die beiden die Arbeit erledigen.

Wo Claude bei uns gewinnt

Hier betreten wir das Feld eigener Beobachtung und nicht das der Messung, und das wollen wir deutlich sagen. Es sind drei Bereiche.

Der erste ist die Codequalität bei grösseren Änderungen. Nicht «schreibt es eine Funktion», das können alle diese Modelle, sondern ob das Projekt nach einem Umbau über fünfzehn Dateien noch baut und ob dabei Abstraktionen entstanden sind, nach denen niemand gefragt hat.

Der zweite ist die Datenanalyse. Bei einer Tabelle mit einem Dutzend Registern und Formeln, die sich gegenseitig referenzieren, zählt die Geduld beim Prüfen der eigenen Arbeit und nicht das Tempo der ersten Antwort.

Der dritte, und für uns der wichtigste, ist die Arbeit über viele Stunden an einer Sache. In einer vierstündigen Sitzung an einer Offerte, einem Reglement oder einer Datenbankmigration zählt, ob sich das Werkzeug nach der dritten Stunde noch an das hält, was in der ersten vereinbart wurde, und ob es zugibt, dass es sich an etwas nicht erinnert, statt einen plausibel klingenden Satz zu erfinden. Das ist der Unterschied zwischen Text redigieren und dem Modell beim Erfinden auf die Finger schauen.

Hier eine wichtige Einschränkung: Die Modelle auf beiden Seiten ändern sich alle paar Wochen, und wir wären nicht überrascht, wenn das in einem halben Jahr anders aussieht. Wir beschreiben, was wir jetzt sehen.

In einem Satz: ChatGPT ist ein ausgezeichneter Assistent für die Hosentasche – du fragst ihn alles, lässt ein Bild erzeugen, redest auf dem Arbeitsweg mit ihm. Claude spielt seine Stärke als Fachperson aus, mit der du dich an ein grosses Projekt setzt und nach ein paar Stunden mit einer fertigen Sache wieder aufstehst.

Wann es blosse Gewohnheit ist

Ehrlich zum Schluss: In einem grossen Teil der Fälle ist die Wahl zwischen beiden Gewohnheit und sonst nichts. Wenn du eines seit einem Jahr benutzt, seine Art zu antworten kennst und weisst, wie du eine Anweisung formulierst, um das zu bekommen, was du meinst – dann ist dieses Wissen mehr wert als der Unterschied zwischen den Modellen. Ein Wechsel heisst, dass du zwei Wochen lang schlechtere Ergebnisse aus einem Werkzeug bekommst, das objektiv nicht schlechter ist.

Darum lohnt es sich, die Frage umzudrehen. Statt «welches ist besser» – gibt es in deiner Arbeit etwas, das du nicht machst, weil es mit dem jetzigen Werkzeug nicht geht? Wenn ja, und es geht um Dateien, Verzeichnisse und wiederkehrende Handgriffe auf dem eigenen Rechner, dann ist das ein echter Grund, etwas anderes zu probieren. Wenn nein, ändert auch eine Rangliste aus dem Internet nichts an deinem Tag.