Du schreibst deinem AI-Assistenten: kürz diese Offerte auf eine Seite. Zurück kommt ein Text von halber Länge, ohne den Abschnitt zum Preis – ausgerechnet der eine, der hätte bleiben müssen. Kaputt ist dabei nichts: Im Prompt stand kein Wort davon, was unangetastet bleiben soll.
Heute zeigen wir dir, was so eine Bitte dem Raten überlässt und wann es nichts zu ergänzen gibt, weil ein Satz bereits genügt.
Claude Code füllt auf, was im Prompt fehlt
Die Dokumentation von Claude Code sagt es unverblümt: Claude kann deine Absicht erschliessen, Gedanken lesen kann Claude nicht. Alles, was weder im Prompt steht noch in den Dateien in deinem Ordner liegt, ergänzt der AI-Assistent von sich aus. Er setzt die wahrscheinlichste Variante ein, und deine ist oft eine andere.
Anthropic bietet in den Regeln fürs Prompten einen Vergleich an, den man sich merken kann: Behandle Claude wie jemanden, der neu bei dir anfängt, sein Handwerk versteht und deine Gepflogenheiten noch nicht kennt. Claude Code weiss nicht, wer deine Kundschaft ist, und weiss auch nicht, dass der Abschnitt zum Preis in dieser Offerte unantastbar ist.
Ein Test klärt die meisten Fälle: Lies deinen Prompt so, als ginge er an eine Person, die nicht mit dir im Thema steckt. Würde diese Person «welche Offerte denn?» oder «wie kurz?» fragen, dann rät die AI an derselben Stelle.
Wann ein Satz genügt
Bevor du irgendetwas ergänzt, schau nach, ob es überhaupt etwas zu ergänzen gibt. Ein Auftrag, den du in einem Satz sagen kannst – korrigier den Tippfehler im zweiten Abschnitt, häng das heutige Datum an den Dateinamen, lösch den leeren Abschnitt – hat nichts, was du präzisieren könntest. Der Umfang liegt auf der Hand, und das Resultat siehst du sofort.
Es gibt einen zweiten Fall, in dem ein unscharfer Prompt genau das Richtige ist: die Erkundung. «Schau dir diesen Ordner an und sag mir, was sich hier aufräumen liesse.» Du weisst noch nicht, worum du bitten willst, und ein enger Prompt nähme dir genau das weg, wofür du fragst – eine Antwort, mit der du nicht gerechnet hast.
Bei einer grösseren Aufgabe zeig auf Material und Vorlage
Was bei einer grösseren Aufgabe am häufigsten fehlt, ist keine Präzision, sondern Material. «Schreib eine Offerte für eine neue Kundin» überlässt dem Raten das ganze Paket: deine Preise, deinen Leistungsumfang und die Art, wie du das üblicherweise beschreibst. Claude Code hat Zugriff auf die Dateien in dem Ordner, in dem du es startest – statt die Preise in den Prompt abzutippen, zeig also auf die Datei, in der sie schon stehen.
Die andere Hälfte erledigt eine Vorlage. Statt mit Worten zu beschreiben, was du erwartest, zeig auf ein Dokument, das bereits so aussieht: eine frühere Offerte oder eine Notiz in deinem Ton. Derselbe Prompt mit Material und Vorlage sieht so aus:
Schreib eine Offerte für eine neue Kundin. Preise und Leistungsumfang nimmst du aus meiner Preisliste, Aufbau und Ton kopierst du aus einer früheren Offerte – beide Dateien liegen in diesem Ordner. Bevor du zu schreiben beginnst, sag mir, was dir fehlt.
Dateinamen musst du dir nicht merken. Claude Code geht den Ordner durch und findet sie selbst. Liegen dort mehrere ähnliche Preislisten, nenn im Prompt die richtige. Die Bitte um Rückfragen gehört in jeden grösseren Prompt: ein paar Fragen vor der Arbeit kosten weniger als das Korrigieren eines fertigen Textes.
Sag, wozu du das brauchst
Der Zweck ist das, was am leichtesten wegfällt, weil er für dich auf der Hand liegt. «Kürz diese Offerte auf eine Seite» beschreibt eine Handlung. «Kürz diese Offerte auf eine Seite, die Kundin liest sie kurz vor dem Termin auf dem Handy» beschreibt eine Handlung und einen Grund. Und der Grund entscheidet all die kleinen Fragen, von denen in der Bitte kein Wort steht. Die Preisliste kürzen oder den Abschnitt über die Firma? Mit dem Zweck vor Augen gibt es nur eine Antwort.
Dasselbe steht in den Regeln fürs Prompten von Anthropic: Beschreib den Zusammenhang oder den Grund, denn aus so einer Erklärung kann die AI den Rest ableiten. Die Prompts, die wir unserer Kundschaft in den Workshops mitgeben, tragen zuoberst eine Überschrift – ZWECK – und darunter einen Satz.
Gib etwas dazu, das sich zählen lässt
Claude Code hört mit der Arbeit auf, sobald eine Aufgabe fertig aussieht. Bei einer längeren Aufgabe fällt das ins Gewicht: Steht im Prompt nichts, woran du ein gutes Resultat erkennst, bleibt «sieht fertig aus» das einzige Signal, und das ganze Prüfen fällt auf dich zurück.
Das Kriterium muss nicht technisch sein. «Drei Fragen im FAQ», «höchstens eine Seite», «Firmennamen bleiben unverändert», «pro Abschnitt ein Gedanke» – jedes davon lässt sich zählen oder auf einen Blick sehen. Schreib es in den Prompt und bitte Claude Code gleich um die Kontrolle: «prüf am Schluss, ob es genau drei Fragen sind, und sag mir, wie viele es geworden sind».
Den ganzen Ablauf mit Claude Code, vom Plan bis zur Kontrolle des Resultats, gehen wir Schritt für Schritt in der Lektion über die erste Arbeitssitzung durch.
Frag nach, warum es anders herauskam
Das Resultat ist nicht das gewünschte, und der erste Reflex heisst: nein, falsch, korrigier das. Die Korrektur greift meistens, nur kommt bei der nächsten Aufgabe dieser Art alles wieder: Ein schlechtes Resultat ist weg, und der Grund dafür sitzt weiterhin in deinem Prompt.
Statt das schlechte Resultat zu kritisieren, frag zuerst, woher es kommt:
Bevor du das korrigierst: warum hast du es so gemacht? Wie hast du meinen Prompt verstanden?
Die Antwort zeigt dir, was Claude Code aus deiner Bitte herausgelesen hat, und meistens stellt sich heraus: genau das, was drinstand. «Kürz die Offerte» ohne ein Wort zur Preisliste heisst «kürz die Offerte», und die Preisliste ist darin das Längste, also fliegt sie «logischerweise» als Erstes raus.
Wir selbst beginnen bei jeder grösseren Aufgabe, deren Resultat uns überrascht, mit der Frage nach dem Warum. Meistens endet es bei einem Satz, den wir dem Prompt hinzufügen, und derselbe Fehler kommt nicht wieder.
Wenn du nochmals dasselbe verlangst, schreib den Prompt neu
Vielleicht kennst du die Situation mit einer Tabelle, die so lange gewachsen und dabei so unübersichtlich geworden ist, dass es irgendwann am einfachsten war, eine neue von Grund auf anzulegen.
Mit AI ist es ähnlich – zieht sich ein Gespräch zu lange hin, kann es sich im Kreis drehen und immer wieder bei denselben falschen Lösungen landen, statt zu anderen, brauchbaren zu kommen. Diesen Moment erkennst du daran, dass du deinen AI-Assistenten immer wieder um dieselbe Korrektur bittest und jedes Resultat schlechter ausfällt als das davor.
Die Dokumentation von Claude Code rät dann, das Gespräch mit /clear zu leeren und neu anzufangen – mit allem, was dich die missglückten Anläufe gelehrt haben. Der Grund ist derselbe wie bei der Tabelle: Im Gespräch stehen sämtliche verworfenen Varianten, und Claude Code liest es ganz, nicht bloss deine letzte Bitte.
Ist die Aufgabe so gross, dass du nicht weisst, was in den Prompt gehört, dann dreh die Rollen um und lass dich ausfragen:
Ich möchte meinen Ordner mit Dokumentvorlagen aufräumen. Bevor du etwas machst, frag mich nach den Einzelheiten – eine Frage nach der anderen. Frag auch nach Dingen, die man leicht übersieht.
Kurz gefasst
Bei einer kleinen Aufgabe, die du auf einen Blick beurteilst, genügt ein Satz. Alles Weitere ist dort verlorene Zeit. Bei einer grösseren: zeig Claude Code das Material, mit dem es arbeiten soll, sag, wozu du das brauchst, und gib etwas dazu, das sich am Schluss zählen lässt. Resultat daneben? Frag zuerst nach, warum es so herauskam. Und wenn du nochmals dasselbe verlangst und es weiterhin nichts bringt, fang ein neues Gespräch an und schreib einen besseren Prompt, statt ein weiteres Mal zu korrigieren.
Der AI etwas aufzutragen erinnert manchmal ans Zaubern: Was zählt, sind die Wörter, die du tatsächlich benutzt, nicht das, was du meinst. Ein Zauberspruch kennt deine Absicht nicht – er tut genau das, was du ihm sagst. Ein Wort zu wenig, und der Prinz bleibt für immer ein Frosch. Zum Glück lässt sich bei der AI jeder Zauberspruch beliebig oft neu sprechen, und niemand nimmt es dir übel.